Das Amygdala-Thermometer – Wut bei Kindern händeln

Wut bei Kindern

Sie kommt plötzlich, manchmal mit Vorboten, oft ohne: Die Wut bei Kindern kennt manchmal keine Grenzen. Die gute Nachricht: Die Trotzphase hat einen Sinn und schuld ist das Gehirn.

Die steinzeitliche Wut bei Kindern

Wenn es die Schokolade nicht bekommt, der Sprössling nicht in die Schule möchte oder einfach nicht seinen Willen kriegt: Es gibt Situationen, in denen Kinder komplett aussetzen. Kein Zureden, keine sanfte Berührung bringt sie herunter, das Kind ist in seinen starken Emotionen gefangen. Die Ursache liegt dabei oft in einer ziemlich aktiven Amygdala. Dieser als „Mandelkern“ benannte Bereich im Lymbischen System ist dafür verantwortlich, dass es uns Menschen überhaupt noch gibt: Nimmt ein Mensch Gefahren wahr, wird dieser Hirnbereich aktiviert. Feuer, ein Säbelzahntiger oder Räuber – unser Gehirn konzentriert sich nun voll und ganz auf eine Handlung, wahlweise fliehen oder kämpfen. Die Amygdala spricht das Tier in uns an und wer es schon einmal mit einem wütenden Trotzkind zu tun hatte, weiß das. In ihrem Ratgeber „Hirnzellen lieben Blinde Kuh“ erklärt Anette Prehn in einer bildhaften Sprache, wie dieses Alarmzentrum im Kopf von Kindern wirkt und was die größten Amygdala-Trigger sind und die Ampel von grün auf rot springen lässt. Sie erzählt von einem Mädchen, das sich weigerte, in die Turn-AG zu gehen. „Sie hatte gehört, dass man dort Rad schlagen muss und gedacht, sie müsste es bereits können“, so Prehn. Sie konnte es nicht und deshalb schlug ihre Amygdala Alarm. Überwältigende Momente, scheinbar zu große Aufgaben und Situationen, deren Ausgang ungewiss ist, lähmen das Gehirn und führen zum Kurzschluss. Eltern, die verstehen, wie Kinder solche Momente wahrnehmen, können auch die Reaktion ihres Kindes besser verstehen und anders reagieren. In diesen Situationen müssen Eltern den „Kindern die Sicherheit vermitteln, dass sie diese Kaperung überstehen werden“, so die Soziologin.

Wut bei Kindern

Reframing: Den Trigger entschärfen

Neben wichtigen Ratschlägen, wie Eltern auf Wut bei Kindern reagieren sollten, gibt sie viele weitere Einblicke in die Funktionsweisen des kindlichen Gehirns und eine „brainsmarte“ Erziehung. Wie vermitteln wir unseren Kindern Werte und stärken somit ihren Halt im Leben? Wie erklären wir ihnen Ereignisse wie einen Todesfall, die Scheidung der Eltern oder einen anstehenden Umzug, damit sie diese verstehen und auch emotional verarbeiten können? Interessant ist die Idee des Reframing. Rutscht das Amygdala-Thermometer langsam aber sicher in den roten Bereich, können Eltern ihren Kindern dabei helfen, nicht hochzukochen. Dabei geht es darum, eine Situation bewusst umzudeuten, Prehn spricht vom „Fotografen im Kopf“. Sie berichtet von ihrer Stieftochter, die aufgrund ihrer geringen Größe oft gehänselt wurde, was sie wiederum sehr traurig und wütend machte. Gemeinsam mit ihr überlegte sie, wie sie zukünftig auf gemeine Sprüche humorvoll und positiv reagieren könnte. Das setzte in dem Mädchen einen Umdeutungsprozess in Gang, der dem Amygdala-Trigger seine Wucht nahm. „Die stärksten und tragfähigsten Umdeutungen sind solche, bei denen das Gehirn hilft, die Situation so zu wenden, dass wir das Verhasste am Ende nahezu herbeisehnen“, so Prehn. Nun ist es an uns als Eltern, herauszufinden, wie wir das Zähneputzen und das morgendliche Anziehen brainsmart vermitteln. Herausforderung angenommen!

 

Mehr Tipps zu einer brainsmarten Erziehung gibt es hier: 

Anette Prehn: Hirnzellen lieben Blinde Kuh. Was die Hirnforschung über starke Kinder weiß.
Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2017.
245 Seiten, 16,95 Euro
ISBN: 978-3-407-86485-7

 

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