Nestflucht oder Hotel Mama? Generation Empty Nester

empty nester

Keine dreckigen Schuhe mehr, über die wir im Hausflur stolpern, der Kühlschrank wird nicht über Nacht leergegessen und es ist so still in der Wohnung. Wenn die Kinder das heimische Nest verlassen, könnten Eltern vor Freude Konfetti werfen. In Wirklichkeit weinen viele Mütter nachts heimlich in ihr Kissen. Sie sind die Generation Empty Nester.

Abschied: Wenn der Nachwuchs flügge wird

Etwa 20 Jahre widmen wir uns dem Nachwuchs. Aus einem verliebten Ehepaar werden Eltern und Verbündete, die Erziehung des Kindes steht nun im Vordergrund. Kitaeingewöhnung, Hausaufgaben machen, ein Instrument erlernen, der erste Liebeskummer, die Wahl des Ausbildungsberufes oder des Studienfaches – alle diese Phasen sind anstrengend, aber auch aufregend, weil für alle Beteiligten neu. Irgendwann kommt der Moment, in dem Kinder ihren eigenen Weg gehen und die Eltern nicht mehr die wichtigsten Bezugspersonen sind. Vielleicht geht es zum Studium in eine weit entfernte Stadt, der Sohn zieht mit seiner Freundin zusammen oder die Tochter geht für ein Jahr nach Neuseeland. „Wenn die Töchter und Söhne ausziehen, entsteht ein leerer Raum“, weiß Gerlinde Unverzagt, „wenn sie weg sind, ist er da – sei es in der Mietwohnung, sei es im eigenen Haus, immer aber auch im eigenen inneren Erleben.“ Wie Eltern – vor allem Mütter – mit dieser Leerstelle umgehen, entscheidet darüber, ob sie Empty Nester sind.

Empty Nester

Empty Nest Syndrom: Was bleibt?

Das Empty-Nest-Syndrom beschreibt die Situation von – vornehmlich – Frauen, die mit dem Auszug der Kinder in ein tiefes Loch fallen. Oft befinden sich Mütter am Anfang der 50er, wenn sie mit der neuen Lebenssituation zurechtkommen müssen. Hinzu kommen weitere Veränderungen wie die eintretende Menopause oder auch die Pflegebedürftigkeit oder der Tod der eigenen Eltern. Haben Frauen in den vergangenen Jahren den Beruf hintenangestellt und auch die eigenen Bedürfnisse aus den Augen verloren, entsteht mit dem Erwachsenwerden der Kinder ein Vakuum, das gefüllt werden muss. Empty Nester neigen im schlimmsten Fall zu Abhängigkeiten, die diese Leere füllen. Manchmal merken Ehepaare durch die eintretende Stille, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Ein Blick auf die Auswertungen des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass sich die Hälfte der Paare scheiden lassen, wenn sie minderjährige Kinder haben. Ein weiteres Hoch „zeichnet sich bis zum 15. Ehejahr ab, ein drittes, wenn die Kinder aus dem Haus gehen“, so Gerlinde Unverzagt. Sind die Kinder plötzlich nicht mehr der Mittelpunkt, begegnen sich viele Paare nach langer Zeit das erste Mal wieder auf einer Beziehungs-Ebene. Das kann zu Überraschungen führen.

Empty Nester

Verlassene Mütter: Die Perspektive des Kindes

In ihrem Buch „Generation ziemlich beste Freunde“ beschreibt die vierfache Mutter, wie es ihr erging, als ihre Tochter das Weite suchte. Besonders interessant ist der Blick ihrer Tochter Marie auf die veränderte Situation. An jedem Ende eines Kapitels erzählt Marie, wie es ihr ergeht. Für die ist es eine Erleichterung, wenn ihre Mutter, sobald Marie vom nahenden Auszug aus ihrem Kinderzimmer redet, „anfängt abzuwägen, ob es eine Bibliothek oder doch eher ein Heimkino würde, damit sie die ‚heute-show’ mit einem Wireless-Surround-System gucken könnte.“ Trotzdem geht das Tochter-Sein auch immer mit einem Gefühl der Verpflichtung daher, der Abnabelungsprozess ist zumeist für beide Seiten schwer. Mit diesem lesenswerten Buch können Eltern wie auch Kinder ein Gefühl dafür bekommen, wie sie möglichst unversehrt durch diesen Prozess kommen und wie bei der Nestflucht keine weinenden Empty Nester, sondern stolze Eltern zurückbleiben. 

Gerlinde Unverzagt: Generation ziemlich beste Freunde. Warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen.

Beltz Verlag, Weinheim/Basel, 2017.
256 Seiten, 16,95 Seiten.
ISBN: 978-3-407-86438-3

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